Es war einer dieser Tage, an denen man nicht ahnt, dass gleich etwas Außergewöhnliches passieren wird. Ein Anruf der Aichacher Feuerwehr riss mich aus der Routine: Ein Landwirt hatte in Unterwittelsbach einen verletzten Bussard in seiner Güllegrube entdeckt – das Tier war völlig entkräftet, verschmutzt und brauchte dringend Hilfe.

Wenig später stand die Feuerwehr vor meiner Tür – mit einem traurigen Häufchen Elend in einer Transportbox. Der junge Bussard war bis auf die Knochen geschwächt, das Gefieder verklebt, und zu allem Übel hatten sich dicke Maden eingenistet. Vermutlich hatte er schon mehrere Tage in dieser Grube festgesessen. Als ich ihn sah, war mir klar: Wenn wir ihn retten wollten, musste es schnell gehen.

Da meine Falknerei am Vogelherd in Aichach nur begrenzten Platz bietet – ich halte dort drei Uhus und einen Turmfalken – musste ich improvisieren. Mein junger Uhu zog kurzerhand wieder bei seinen Eltern ein, damit der Bussard eine freie Voliere bekam.

Zuerst stand eine gründliche Reinigung an. Vorsichtig badete ich ihn in lauwarmer Seifenlauge, spülte das Gefieder mit klarem Wasser nach und legte ihn anschließend auf ein Handtuch. Der Gestank war kaum auszuhalten – aber das war in diesem Moment völlig nebensächlich. Ich erinnere mich noch gut an den Anblick: Der Bussard lag da, reglos, nur die Augenlider bewegten sich hin und wieder, und ab und zu streckte er schwach die Zunge heraus. Ehrlich gesagt, hatten wir kaum noch Hoffnung.

Doch manchmal braucht es nur einen kleinen Funken Leben. Wir hatten gerade Welpen aufzuziehen und daher Rinderherz-Tatar vorbereitet, in kleinen Portionen eingefroren. Wir tauten etwas davon an, wärmten es leicht an und schoben dem Bussard winzige Mengen mit dem Finger in den Kropf. Der Schluckreflex funktionierte noch – ein gutes Zeichen.

Über Nacht geschah das kleine Wunder: Als ich am nächsten Morgen zur Voliere kam, stand der Bussard bereits auf einem Ast. Er hatte sich sogar ein Küken geschnappt, das wir ihm hingelegt hatten. Zum ersten Mal blickte er mich wach und aufmerksam an – ein Moment, der mich tief berührte.

In den folgenden Tagen erholte sich der junge Greifvogel erstaunlich schnell. Das Gefieder, anfangs noch stumpf und verklebt, begann sich zu regenerieren. Seine Bewegungen wurden kräftiger, sein Blick wacher. Nach nur vier Tagen war klar: Er war wieder bereit für die Freiheit.

Als ich die Tür der Voliere öffnete, zögerte er einen kurzen Moment, als wollte er sich verabschieden – dann breitete er die Flügel aus und stieg in die Luft. Ich sah ihm nach, bis er am Horizont verschwand.

Solche Momente sind es, die mich in meiner Arbeit als Falkner immer wieder tief berühren. Wenn ein Tier, das dem Tod so nahe war, wieder in die Freiheit fliegt – dann weiß ich, warum ich das tue.


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